Wissenschaft bringt Licht in das Geheimnis des russischen Dyatlov-Passes

Die Forscher haben nun eine gute Vermutung, was die „zwingende Naturkraft“ hinter dem mysteriösen Vorfall war.

Dyatlov's Guppe - Das gefundene Zelt
Dyatlov’s Guppe – Das gefundene Zelt

Selbst diejenigen, die keine Vorliebe für Verschwörungstheorien haben, haben vielleicht von dem berüchtigten Vorfall am Dyatlov-Pass gehört, bei dem eine Gruppe russischer Wanderer unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Während eine sowjetische strafrechtliche Untersuchung zu dem Schluss kam, dass sie infolge einer nicht identifizierten „zwingenden Naturgewalt“ starben, weiß niemand wirklich, was in dieser Nacht geschah.

Von Yetis bis hin zu Außerirdischen wurden viele Verschwörungstheorien online diskutiert, und nun deutet eine neue Studie darauf hin, dass eine Schneebrettlawine für die mysteriösen Todesfälle verantwortlich ist, wodurch eine zuvor verworfene Theorie mit Simulationen wiederhergestellt wird.

Die Forschung wurde in der Zeitschrift Communications Earth & Environment veröffentlicht.

Der Vorfall

Dyatlov's Guppe 1. Februar
Dyatlov’s Guppe 1. Februar

Kurz und bündig ist es so abgelaufen: Am 1. Februar 1959 beschlossen die Wanderer, am Hang des Berges Kholat Syakhl ein Lager aufzuschlagen. Nach Mitternacht schnitten sie sich von innen aus ihrem Zelt und liefen fast nackt und barfuß bei einer Temperatur von unter -25°C in Richtung Wald hangabwärts.

Sie wurden einige Tage später tot aufgefunden. Vier Wanderer hatten schwere Thorax- oder Schädelverletzungen; zwei wurden mit fehlenden Augen und einer ohne Zunge gefunden. Als Hauptursache wurde eine Unterkühlung festgestellt.

Das Untersuchungskomitee der Russischen Föderation kam 2015 und 2019 zu dem Schluss, dass eine Schneelawine schuld war; dies wurde jedoch von der Öffentlichkeit und den Angehörigen der Wanderer mit vier Hauptgegenargumenten abgelehnt.

Nun haben Johan Gaume vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos und Alexander Puzrin vom Institut für Geotechnik in Zürich eine neue, mit Simulationen untermauerte Theorie zur Erklärung der rätselhaften Verletzungen aufgestellt.

Eine ungewöhnliche Lawine

Dyatlov's Guppe - Schematische Zeichnung
Dyatlov’s Guppe – Schematische Zeichnung

In den Gegenargumenten wurde erstens gesagt, dass der Winkel des Hanges nicht für eine Lawine ausreicht, und zweitens, dass danach keine Spuren einer Lawine gefunden wurden. Die Forscher erklärten, dass dies an der einzigartigen lokalen Topographie gelegen haben könnte. Während es schien, dass der Hang nicht schräg genug war, hatte der Boden darunter stufenartige Kurven, die ihn schräger gemacht haben könnten, was genug ist, um eine Lawine zu verursachen, aber eine, die keine charakteristischen Spuren hinterlassen würde.

Das dritte Argument bezog sich auf den möglichen Auslöser, und das vierte darauf, dass die erlittenen Verletzungen schwerer waren als die für Lawinen typischen.

„Wir nutzen Daten zur Schneereibung und zur lokalen Topografie, um zu beweisen, dass eine kleine Schneebrettlawine an einem sanften Hang entstehen könnte und dabei nur wenige Spuren hinterlässt“, sagt Gaume. „Mit Hilfe von Computersimulationen zeigen wir, dass der Aufprall eines Schneebretts zu ähnlichen Verletzungen führen kann wie die beobachteten. Und dann ist da natürlich noch die Zeitspanne zwischen dem Einschneiden des Teams in den Hang und der Auslösung des Ereignisses. Das ist das Hauptthema unseres Artikels.

„Bisherige Ermittler konnten sich nicht erklären, wie bei fehlendem Schneefall an diesem Abend mitten in der Nacht eine Lawine ausgelöst werden konnte. Wir mussten uns eine neue Theorie einfallen lassen, um das zu erklären.“

Der katabatische Wind

Dyatlov's Guppe - Dynamik Simulation
Dyatlov’s Guppe – Dynamik Simulation

In dieser neuen Theorie erklären die Forscher, dass es der katabatische Wind war, der alles veränderte. Der katabatische Wind ist dafür bekannt, mit Kraft bergab zu rasen und möglicherweise mehr Schnee allmählich bergauf vom Zelt zu legen.

Die Forscher simulierten die Dynamik dieser Lawine und suchten Antworten auf Fragen wie die, wie lange es dauern könnte, bis sie abbricht, nachdem ein Schnitt im Hang, der von den Wanderern zum Aufbau des Zeltes gemacht wurde, durch katabatische Winde begünstigt wurde.

Die Simulationen ergaben, dass die Anforderungen für die Lawinenauslösung zwischen 7,5 und 13,5 Stunden nach dem Schnitt erreicht werden können.

„Hätten sie keinen Schnitt in den Hang gemacht, wäre nichts passiert“, sagte Puzrin, Mitautor der Studie. „Das war der ursprüngliche Auslöser, aber das allein wäre nicht genug gewesen. Der katabatische Wind hat wahrscheinlich den Schnee verweht und eine zusätzliche Last langsam aufbauen lassen. An einem bestimmten Punkt könnte sich ein Riss gebildet und fortgepflanzt haben, wodurch sich das Schneebrett löste.“

Das Team simulierte auch den potenziellen Schaden, den ein Schneebrett an einem menschlichen Körper anrichten könnte, und stellte fest, dass die gemeldeten Verletzungen dadurch verursacht worden sein könnten, dass die Opfer zwischen dem herabfallenden Schneebrett und dem Schnee unter dem Zelt eingeklemmt wurden.

Diese Studie ist zwar aufschlussreich, löst das Rätsel aber nicht vollständig, da Fragen wie die, warum ihre Leichen fast eine Meile entfernt gefunden wurden, immer noch offen sind. „Die Wahrheit ist natürlich, dass niemand wirklich weiß, was in dieser Nacht passiert ist“, sagt Puzrin. „Aber wir liefern starke quantitative Beweise dafür, dass die Lawinentheorie plausibel ist.“